Home
Projekte und
Ausstellungen
Liebeserklärungen
Vom 6. bis zum 19. Februar 2000
in der Mediotheke Waldegg, Beatenberg

Vernissage:
John Kennedy, David Gilsanan, Samuel König (Irish Folk);
Albert Meier, Eröffnungsansprache

Ansprache von Alber Meier, Lehrer- und Lehrerinnenbildner/Psychologe:
Um in die Ausstellung des Künstlers Thomas Meier einzuführen, wäre es wahrscheinlich das Naheliegenste
1. ..etwas über ihn selbst zu erzählen ; bspw. dass er 43 jährig ist, verheiratet mit Brigitte, drei Kinder hat, Lehrer ist, im Burgund malt , oder zuhause usw. ...oder
2. ..etwas zu seinen Bildern zu fabulieren; bspw. über die Bedeutung der Farben grün, blau und rot, über die Gestaltung und Bedeutung der Schriftzüge aus den Werken von Cardenal, Kepler oder Hüsch, über die ständig wiederkehrenden Motive , also den Käfern, Schnecken, Libellen, Eidechsen, Skarabäen usw.
Das erste scheint mir unnötig, da in den aufliegenden Begleitmaterialien alles nachzulesen ist. Eine vertiefte Interpretation (zudem noch von einem Psychologen) vor Publikum schiene mir unanständig. (...)
Das zweite ist zu schwierig für mich, da ich mich bis heute nur am Rande , oder (ehrlicherweise gesagt) gar nicht mit Kunstkritik und ;interpretation auseinandergesetzt habe. (...)
Was ich aber tun kann ist darüber zu sprechen, wie ich das Malen des Künstlers einordne , dies hebt sich ab vom Gemälde selbst. Das Tun ist es, was mich interessiert.

Quelle dafür ist eine seltsame Freundschaft, die mich mit dem Künstler verbindet. Eine Freundschaft, welche kaum Zeit beansprucht, flatterhaft zufällig und deshalb nur ab und zu zum Tragen kommt , und sich in den letzten 9 Jahren, beruflich, ergab. (...)
Einige wenige Stunden Gespräche, zwei oder drei gemeinsame Mittagessen, zwei Atelierbesuche, dies ist der Fundus.

Seit ich von Thomas die Anfrage erhielt hier zu eröffnen, meldet sich in meinem Kopf immer wieder der gleiche Satz , auf Englisch und wie ich herausfand ursprünglich und mir zum ersten mal begegnet als Covertext auf einer Plattenhülle von Georges Moustaki aus den 70iger Jahren : A bird does not sing because he has an answer he sings because he has a song. (Joan Walsh Anglund)
Der Maler (so die Uebertragung) als jemand, der nicht malt weil er Antworten hat, sondern weil er Bilder hat.
Eine erste Aussage über das Schaffen von Thomas Meier, welche meines Erachtens durchaus ihren Reiz hat. Für mich war es der Anfang des Nachdenkens. Eine Linie , eine Verästelung davon, möchte ich heute Abend darlegen : Thomas Meier unterscheidet sich in einigen Punkten vom Vogel, der fröhlich trällernd sein Lied pfeift. Thomas hat Fragen ! Der Vogel hat nur keine Antworten. (...)
In einer Beiz diskutierten wir darüber, wann denn die grosse Party - die Ernte &endash; das Fest - des Lebens komme. Stecken wir
bereits mitten drinn , oder sind wir gar schon beim Aufräumen am Morgen danach ? Quasi in Katerstimmung ? Wir sprachen über den Sinn des Lebens , über unsere Aufgaben darin , über den Massstab für das eigene Tun, Denken und Fühlen über Wünsche und Pläne, über den Beruf und unsere Familien. Wir schämten uns aber auch gleichzeitig über unsere Probleme angesichts der Kriege und Katastrophen, von denen wir täglich Kunde erhalten. (...)
Und dann, so stelle ich es mir vor , ging Thomas nach Hause, mischte sich Farben , rote, grüne und blaue , und malte eine Liebeserklärung an das Universum , miteingeschlossen die Larve eines Gelbrandkäfers , und umrankt von Poesie.
Keines der ausgestellten Bilder ist eine Antwort. Darin gleichen sich also der Vogel und der Künstler. Thomas Meier malt aber, weil er Fragen hat. Er malt trotz den Fragen. Ohne Fragen hätte er keinen Grund Bilder zu machen.

Für mich sind seine Bilder Trotzdem - Bilder. (...)

Albert Camus schrieb 1942 seine Interpretation des Mythos` von Sisyphos. Er untertitelte diesen Aufsatz mit "Der ewige Rebell". Darin fand ich den Gegenpool zur Vogelmetapher- das andere Extrem.

Sisyphos, von den Göttern verdammt einen Stein auf ewig den Berg hinauf zu rollen &endash; den dann die Götter zynisch veranlassen, wieder ins Tal zu donnern.

Camus interessiert sich vorallem für das Nachdenken des Sisyphos während des Abstieges vom Berg. Der Stein ist unten und der Protagonist hat Zeit - bis er selbst wieder im Tal ist - über sein Tun zu reflektieren. Soll er flehen und jammern ? Soll er um Gnade bitten ? Seine Lage ist ja wahrlich aussichtslos. (bei Thomas vermute ich, ist diese Dramatik nicht in vollen Zügen vorhanden).

Sisyphos entschliesst sich jedesmal aufs Neue, freiwillig an die Arbeit zu gehen, obwohl er muss. Diese Trotzdem-Haltung zeichnet ihn aus und gibt ihm Sinn und Kraft - übrigens auf ewig - also auch heute noch - und auch gerade jetzt.

Nebenbei gibt er den Göttern selbst eine Nuss zu knacken. So haben diese es sich kaum vorgestellt - ist zu vermuten... (...)

Thomas Meier malt schöne und tiefsinnige Bilder. Es sind keine Antworten auf die Fragen des Lebens. Und es sind keine Abrechnungen mit den Problemen und Katastrophen. Es sind Liebeserklärungen an das unvorstellbar Schöne und das unerklärbar Tiefe. Im Kleinen und im Grossen. (...)

Thomas erlaubt es sich auszuklammern - wegzulassen. Es sind Trotzdembilder.

Zuallererst sind es Meditationen (= ein Tun) auf Fragen - bedingungslos auf der Seite des Lebens. (...)

Der Künstler als bewusster, fragender und trotziger Vogel. Er variiert immer wieder sein Lied - wohlwissentlich dass er verloren hat, wenn er nicht mehr von Vorne beginnt. (...)

Aber, so der letzte Satz im Aufsatz von Albert Camus : " Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Mit dieser Einstellung gehe ich nun die Bilder anschauen.

Beatenberg, 6.2.2000